Auf Umbruch- folgt die Aufbruchstimmung

Quelle: Informer Magazin, URL: http://informer-magazine.de/2015/07/auf-umbruch-folgt-die-aufbruch-stimmung/

Die Wohnungsgenossenschaft Essen-Nord eG stellt sich auf für ein neues Jahrhundert

Mit den Hirtsiefer-Häusern baute die Wohnungsgenossenschaft Essen-Nord bereits in ihren frühen ‚Kindheitstagen‘ eine Kleinhaus-Siedlung in Altendorf. Sie war mit einem für damalige Verhältnisse relativ hohen Wohnstandard ausgestattet – mit Spülküche, Bade-Raum, WC. Einige Wohnungen sind sogar zusätzlich mit einer Loggia realisiert worden. Das liegt nun fast 100 Jahre zurück. Im vergangenen Jahr konnte schließlich das dreistellige Jubiläum gefeiert werden. Die Essen-Nord eG ist unter den Wohnungsgesellschaften damit eine echte Jahrhundert-Lady. Doch in solch hohem Alter heißt es auch: vorsichtig sein! Schnell gilt man als klapprig, zittrig, nicht mehr auf der Höhe und wird zum alten Eisen gezählt. Wie sich die Genossenschaft für ihr nächstes Jahrhundert aufstellt, darüber sprachen wir mit ihrem neuen Chef, Juan-Carlos Pulido. Denn die betagte Dame Essen-Nord befindet sich in ihrem ganz eigenen demografischen Wandel.

Prof. Dr. Franz Peter Lang (l.) hat den Vorsitz der Essen-Nord eG an Juan-Carlos Pulido (r.) übergeben. (Foto: Gerd Lorenzen)

Prof. Dr. Franz Peter Lang (l.) hat den Vorsitz der Essen-Nord eG an Juan-Carlos Pulido (r.) übergeben. (Foto: Gerd Lorenzen)

 

Die gefeierte 100-jährige Tradition auf der einen Seite; neues Logo, neue Namenskommunikation, neuer Vorstand auf der anderen. Herr Pulido, die Essen-Nord eG scheint sich in einer Art Umbruch zu befinden. Wo führt das hin?

„Wir sind der Weg zwischen Eigentum und Miete.“, sagt Juan-Carlos Pulido. (Foto: Christoph Bubbe)

„Wir sind der Weg zwischen Eigentum und Miete.“, sagt Juan-Carlos Pulido. (Foto: Christoph Bubbe)

Juan-Carlos Pulido: Auf unsere Tradition sind wir stolz. Aber natürlich müssen auch wir als Genossenschaft uns den Gegebenheiten der heutigen Zeit stellen. Und das geht mit Veränderungen einher. Diese sind zum einen personeller Natur. Mit Prof. Dr. Franz Peter Lang haben wir unseren Vorsitzenden verabschiedet. Und Ende des Jahres geht unser langjähriges Vorstandsmitglied Klaus Grewer in den Ruhestand. Sie sehen also: Auch an uns als Genossenschaft geht der demografische Wandel nicht spurlos vorbei – was keineswegs nur den Vorstand betrifft. Altersbedingt werden in der nächsten Zeit einige unserer Mitarbeiter aus der Essen-Nord eG ausscheiden. Wir müssen uns also frühzeitig umsehen, wie wir diese Positionen neu besetzen. Denn fest steht: Gute Leute sind nicht ad hoc zu bekommen. Auf die Vernetzung kommt es an. Wir müssen die guten Kontakte heute bereits pflegen, damit wir dann zu gegebener Zeit personell reagieren und entsprechende Angebote machen können.

„Die Summe im Portfolio ist entscheidend.“ (Juan-Carlos Pulido)

Prof. Dr. Lang wurde im Juni feierlich in der Essener Philharmonie verabschiedet. (Foto: Sven Lorenz)

Prof. Dr. Lang wurde im Juni feierlich in der Essener Philharmonie verabschiedet. (Foto: Sven Lorenz)

Prof. Dr. Lang wurde im Juni feierlich in der Essener Philharmonie verabschiedet. (Foto: Sven Lorenz) Prof. Dr. Lang wurde im Juni feierlich in der Essener Philharmonie verabschiedet. (Foto: Sven Lorenz)
Für den frei gewordenen Vorstandsvorsitz wurde ja schon eine personelle Lösung gefunden: nämlich Sie, was auch keine Hauruck-Aktion war, sondern eine geplante Staffelübergabe.

Pulido: Seit Oktober letzten Jahres bin ich bereits Mitglied des Vorstands. Es war also ein fließender Übergang, worüber ich auch sehr froh bin. Dadurch fand ich mich in der absolut komfortablen Situation wieder, mich mit den laufenden und anstehenden Projekten der Essen-Nord eG bereits weit über ein halbes Jahr vor der Übergabe des Vorsitzes zu beschäftigen.

Unternehmungen, die, wie man hört und liest, sich nicht mehr ausschließlich auf Essen konzentrieren.

Pulido: Richtig. Auch in Düsseldorf, Ratingen und Dülmen sind wir aktiv. Das mag für eine Genossenschaft zunächst atypisch klingen. Aber auch das gehört zu den Veränderungen unserer Zeit. Auch eine Genossenschaft muss wirtschaftlich denken und arbeiten, nicht anders als eine GmbH. Und dazu gehört auch das Erschließen von wachsenden Märkten und prosperierenden Räumen – auch außerhalb von Essen. Unsere Hauptaufgabe sind und bleiben aber unsere Mieter. Preiswertes Wohnen, Service und die Modernisierung unserer Bestandsimmobilien bleiben, neben den Neubau- und ‚Leuchtturmprojekten‘, auch weiterhin unser Kerngeschäft.

 „Die meisten unserer Immobilienbestände befinden im Essener Westen. Warum wir Essen-Nord heißen? Vor 100 Jahren war Essen-West schon belegt.“ (Juan-Carlos Pulido)

Aber auch hier schlägt der demografische Wandel zu. Mit der immer älter werdenden Gesellschaft ändern sich auch die Anforderungen am Wohnraum. Um abreißen und neu bauen kommt man doch auf Dauer gar nicht herum, oder?

Pulido: Natürlich kann man den Bestand nur soweit altersgerecht modernisieren, wie es baulich eben möglich ist. Breitere Zugänge, ebenerdige Duschen im Badezimmer etc. Aber mit der wachsenden Nachfrage nach preiswertem Wohnen wird auch der vermeintlich schrumpfende Markt für Bestands­immobilien wieder interessant. Letztlich ist die Summe im Portfolio entscheidend. Technisch modernisierte und preiswerte Bestände auf der einen Seite, top-moderne, dafür nicht so günstige Neubauobjekte auf der anderen. Derzeit bauen wir z. B. auch zwei neue Gebäude in Kupferdreh, die von ihrem Niveau her durchaus als Eigentumswohnungen durchgehen könnten. Wir hatten sogar schon potenzielle Käufer mit entsprechenden Anfragen, die wir dann aber leider enttäuschen mussten. Auch in Kupferdreh entstehen reine Mietwohnungen.

Die Essen-Nord eG als Bauträger fürs Eigenheim – wäre doch auch eine nette, gewinnträchtige Idee, oder nicht?

Pulido (lächelt): Als Bauträger sind wir tatsächlich auch schon aufgetreten, vor Kurzem z. B. im hessischen Heppenheim. Solche Projekte dienen aber ausschließlich dem Cashflow, der wiederum in unsere Mietbestände fließt. Sie sind also nur Mittel zum Zweck und nicht unser Kerngeschäft. Das sind unsere Mieter. Und die sind durch ihre Genossenschaftsanteile ja auch gleichzeitig unsere Anleger, was ein absolutes Alleinstellungsmerkmal einer Genossenschaft ist. Wir sind sozusagen der dritte Weg zwischen Eigentum und Miete.

Das Interview führte Lars Riedel.